Licht an, Swag auf

Artikel veröffentlicht in TORWORT-Senf am 04.03.2026
Erstellt von TORWORT - Die Fußball-Lesung

Licht an, Swag auf

Das Leben wäre ein besseres, wenn es nur und ausschließlich aus englischen Wochen bestünde – also aus diesen Wochen, in denen zunächst am Wochenende gespielt und mittwochs darauf das Flutlicht eingeschaltet wird. Drei Spiele in sieben Tagen – das fühlt sich ein bisschen an wie eine Woche, in der der nervige Montag fehlt. Die große Bühne unter der Woche. Schon der Ablauf des Spieltags ist besonders. Du lässt leicht gehetzt an einem Mittwochabend alles hinter Dir, was Du nicht brauchst – all den klebrigen Alltag, all den Mist, der Dich letztlich nur aufhält. Spieltag ist Festtag – auch und gerade jetzt. Also drehst Du ein gutes Stück vor dem Wochenende schon mal den schwarz-gelben Swag auf, ziehst Dein bestes Trikot aus dem Schrank und weißt: Viel besser kann es nicht werden. Auf dem Weg ins Stadion siehst Du schon von Weitem, wie sie extra für Dich das Licht mit gut 1.500 Lux angedreht haben, damit Du diese Schattenspiele genießen kannst, die es nur bei Flutlichtspielen gibt. Klar, es wird ein bisschen kühl werden zum Abend hin. Aber es wird diese angenehme und so gar nicht schwere Spieltagskühle sein, ohne die es nicht funktioniert und die nur diese entschlossene Frische aus Dir herausholt. Du kennst das Gefühl, gehst so routiniert damit um, wie Simon Rolfes einst das Leder durch das Mittelfeld des alten Tivolis führte oder so selbstverständlich wie Kalla Pflipsen die Bälle in die Gasse für Jan Schlaudraff legte. Ähnlich souverän wühlst Du Dein Gesicht ein bisschen tiefer in Deinen Schal, schiebst Deine Nase von rechts nach links und spürst den Duft von all diesen Schlachten, die er schon miterlebt hat. Du bist bereit für alles, was dieser so grandios beleuchtete Abend gleich für Dich zu bieten hat. Du lebst den Moment des Mittwochs, den Du so eben nicht jede Woche bekommst, wenn Du nicht gerade in München oder Dortmund in das Spiel hineingeboren wurdest. Denn das gehört auch zur Wahrheit: Eine englische Woche ist ein echtes Privileg. Du bekommst sie nicht zu oft – vielleicht, weil Du Dich sonst in ihr verlieren würdest. Alemannia im Zeitraffer ohne große Atempause. Schwarz-gelber Puls in Dauerschleife. Keine Zeit, Siege zu schmecken. Keine Zeit, Niederlagen wegzuatmen. Das kannst Du Dir eigentlich nicht jede Woche geben. Das weißt Du. Auf der anderen Seite: Du würdest es nehmen, ohne zu zögern. 

Denn Fußball alle drei Tage, das gibt Dir auch eine gute Portion Verlässlichkeit, Sicherheit und am Ende sogar eine gute Portion Karma. Denn worum es im Leben geht, darum musst Du Dir bei diesem Rhythmus nun wirklich keine Sorgen mehr machen. Die englische Woche verdichtet Dein Leben, gibt Dir Orientierung. Keine Frage – nicht viel im Leben hat so viel Aura wie sie und ihr Höhepunkt ist der Spieltag mitten in der Woche. Denn gerade der Mittwoch hat einen ganzen Eimer Glamour für Dich, ein Stück große Fußballwelt. Denn normalerweise bekommst du ihn nur, wenn Du es weit im Pokal bringst oder sogar international spielst – so wie damals gegen Lille, St. Petersburg, Sevilla oder Athen. 

In England heißen „englische Wochen“ übrigens gar nicht „englische Wochen“, was aber auch albern wäre. Vielmehr ist es ein deutscher Begriff für ein englisches Phänomen, das in England zu den Spieltagen gehört wie der Bob zum Arsch des Hackl-Schorsch. Begonnen hat die aktuelle englische Woche Alemannias im Kölner Südstadion letzte Woche und nach den 90 Minuten in dem an einen Käfig erinnernden Gästebereich war klar: Nimm diese Woche mit, so gut Du kannst. Denn es kommt diese Saison nichts englisches mehr dazu. Deswegen gilt es, das zu genießen, was Dir bleibt und das ist ja auch schon mal eine ganze Menge. Auch wenn völlig klar ist, dass das Leben ein besseres wäre, wenn es sie öfter gäbe – die englische Woche. 

Diese Kolumne erschien anläßlich der englischen Woche, die Alemannia am Abend des 4. März 2026 zu einem Heimspiel gegen den 1. FC Schweinfurt verhalf.

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker