Gott segne die griechische Grätsche

Artikel veröffentlicht in TORWORT-Senf am 21.02.2026
Erstellt von TORWORT - Die Fußball-Lesung

Gott segne die griechische Grätsche

Als Alemannia in Ulm gewann, stand ich auf einem Tisch in der Kölner Südstadt. Kurz vorher hatte ich mich noch demonstrativ hingesetzt, weil die Hymne des 1. FC Köln lief und da will man ja nun wirklich nicht mitschmettern. Man sollte wissen, wann man runtergehen muss. Gleich danach lief aber etwas Netteres und als das Handy in meiner Tasche vibrierte, ballte ich kurz die Fäuste. Der nach wie vor wunderbare Alemannia-Liveticker verkündete das Kopfballtor von Faton Ademi. Sechs Punkte am Karnevalssonntag einzutüten, fühlt sich für mich ungefähr so gut an, wie für Frodo den einen Ring in seiner Westentasche zu ertasten. Ich selbst war nicht als Hobbit, dafür aber als Rockstar unterwegs. Als Kurt Cobain erkannte mich aber kaum jemand, obwohl ich mir sein Shirt aus dem „Smells like Teen Spirit“-Video extra aus Südostasien hatte kommen lassen. Auch meine Gitarre, gesägt aus dreiwelliger Wellpappe, riss das nicht raus. Alles egal, solange Faton seinen Schädel so gut in die Flugbahn hielt wie drüben in Ulm. Trotzdem wurde mir klar: In der nächsten Session brauche ein neues, ein anderes Kostüm – vielleicht was Griechisches. Denn Griechen haben echtes Rockstar-Potenzial. 

Heute ist Aschermittwoch und eine der ersten Amtshandlungen nach all dem Bier der letzten Tage, ist neben dem großen Becher Magnesium-Konzentrat und dieser Kolumne, die Online-Bestellung einer griechischen Flagge. Und der Grund dafür ist weder meine Vorliebe für eine ordentliche Gyros-Tasche, der ich jetzt auch schon seit mehr als 1000 Tagen abschwöre, sondern viel mehr eine epische Grätsche, die mich im Sturm erobert hat. Ich liebe ja diese Grätschen an Außenlinien. Gib mir die Wahl zwischen einem Fallrückzieher, der das Leder von der Sechszehner-Kante in den Knick bugsiert und einer fetten Grätsche vor der Gegengeraden, ich nehme immer und überall die Grätsche. Und seien wir doch mal ehrlich: Da bin ich nicht der Einzige. Denn immer, wenn ich eine sehe, sie abfeiere und in der gleichen Sekunde nach rechts und links schaue, wird mir irgendwie klar: Damit bin ich nicht alleine. Grätschen haben eine große Fangemeinde – vor allem die an Außenlinien. Für viele Leute, die den Tivoli und das Spiel lieben, sind sie das, was das Konterbier für den Kopfschmerz ist – die Lösung all Deiner Probleme. Jemand, der das schon immer wusste, war der große fliegende Holländer aus Maastricht. Erik Meijer wusste schon immer um den Fetisch der Ränge und packe daher gerne eine Grätsche direkt vor ihnen aus – meist dann, wenn ein Außenverteidiger einen flachen Ball nach vorne spielte und das Spiel ein Zeichen. Brauchte. Dann kam er gerne eine Sekunde zu spät angeflogen, um den Ball martialisch, aber knapp, um wenige Zentimeter zu verpassen. Aber darum ging es auch nicht. Vielmehr war es ein symbolischer Akt, in dem er zwei bis drei Meter über die am alten Tivoli nicht selten ramponierte Grasnarbe schlitterte und damit vor allem das Stadion zum Beben brachte. Nicht selten war genau das der Auftakt zu einer dieser Atmosphären, die man so liebt, wenn man nach Aachen zum Fußball geht. 

Diese gute alte holländische Grätsche aus den Nuller-Jahren, die ich schon fast vergessen hatte, erlebte vor zwei Wochen ihre Wiederauferstehung – nur „in NOCH besser“. Gegen den alten Rivalen Rot-Weiß Essen köchelte das Stadion sowieso schon und es brauchte nur noch einen kleinen Funken, um es komplett anzuzünden. Das war greifbar. Erik hätte das sofort gespürt und dem Tivoli das gegeben, was er brauchte. Diesmal jedoch übernahm das unser neuer Grieche und – hey – der hat es in sich. So viel steht mal fest. Oder um es in anderen Worten und frei nach Franz Beckenbauer zu sagen, der einst mit dem Satz „Der Schwede ist kein Brasilianer“ brillierte: „Der Holländer ist kein Grieche“. Denn die griechische Grätsche ist noch einmal ein anderes Kaliber und vor allem ist sie alles andere als eine Alibi-Grätsche. Vielmehr trifft sie kompromisslos alles, was sich ihr in den Weg stellt und das in jeder Beziehung. Sie nimmt gefühlte 250 Meter Anlauf, gleitet trotzdem bei diesen Abständen unmögliche 260 Meter über die besagte Grasnarbe und hat das beste Grätschen-Timing, das man sich vorstellen kann. Sie blockt den Ball, rasiert den Gegenspieler, ohne ihn ernsthaft zu verletzen und steht wie in einer fließenden Bewegung in Bruchteilen einer Sekunde vor den Rängen, um sich und sie zu feiern. Keine Frage: So etwas ist nur etwas Rockstars. Weil genau die eben im richtigen Moment wissen, wann man besser runtergeht. Gott segne sie, die griechische Grätsche – natürlich nur in Gedenken der holländischen. 

Diese Kolumne erschien anläßlich des Heimsiegs der großen Alemannia aus Aachen gegen den SC Verl am 21. Februar 2026. Alemannia gewann mit 3:1.

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker