Neues Buch: Theisen erinnert an große WM-Momente vor der Schrankwand
TORWORT-Mutter Sascha Theisen hat wieder zugeschlagen. Während Gianni Infantino in Töpferkursen Friedenspreise formt, lässt es sich der alte Fußballromantik-Haudegen nicht nehmen, in seinem neuen Buch daran zu erinnern, wie großartig Fußball-Weltmeisterschaften einmal waren und eigentlich immer noch sein könnten. Er erzählt von Frankfurter Wasserschlachten, von epischen Halbfinalspielen in Sevilla, Mexiko City oder Belo Horizonte, steht mit dem unsterblichen Andi Brehme am Elfmeterpunkt von Rom, erinnert an Helmut Rahn, der aus dem Hintergrund schießt, freut sich mit Fritz Walter über das Wetter und wird narrisch, wenn Krankl in Cordoba trifft. Satte 160 Seiten WM-Historie zeigen auf die denkbar schönste Weise. Titel des Buchs: Spiele für die Ewigkeit. Im Gespräch mit seinem kongenialen Freund, Kupferstecher und TORWORT-Partner Frederic Latz spricht er hier über das Buch, legendäre WM-Spiele und wie es sich anfühlt, das richtige Spiel in der richtigen Kneipe zu gucken.

Frederic Latz: Sascha, in deinem neuen Buch „Spiele für die Ewigkeit“ schreibst du über insgesamt 27 Länderspiele des DFB. Hier stehen 10 Niederlagen 17 Siegen gegenüber. Erinnert mich von der Tendenz her an meine Bilanz gegen dich in Quizduell…
Sascha Theisen: Ach – Du bist „Long John 25“. Alter. Ich dachte die ganze Zeit, ich spiele gegen irgendeinen Energie-Cottbus- oder Westfalia-Herne-Hooligan und lasse den mal lieber gewinnen. Sorry – aber hätte ich gewusst, dass Du das bist, hätte ich auch mal auf eine andere Kategorie als „Computerspiele“ oder „Comics“ geklickt. Aber gut, das ändert jetzt natürlich einiges. Ab sofort kannst Du Dich warm anziehen.
Frederic Latz: Ja, war mir klar, dass du um keine Ausrede verlegen bist. Aber zurück zu den legendären Länderspielen. Wie viele davon hast du in der Hammondbar geschaut?
Sascha Theisen: So einige. Vor allem die Spiele 2010 und 2014 waren so ziemlich das Beste, was ich in all den Jahren an Kneipenfußball erlebt habe, wenn man mal die Weihnachtsfeiern mit dem TSV 09 Stockheim „Bei Inge“ ausnimmt. Ich erinnere mich da an das Achtelfinale 2010 gegen England und daran, wie der Wirt nach Lukas Podolskis 2:0 aus unmöglichem Winkel einmal quer durch die Bar flog. Ein unglaubliches Spiel. Nach dem Spiel saß ich an der Bahnhaltstelle in der Kölner Südstadt und hatte von da aus einen freien Blick auf einen Fernseher in irgendeiner Döner-Bude. Darauf sah ich die Argentinier feiern, die gerade gegen Mexiko gewonnen hatten und fünf Tage später der nächste deutsche Gegner sein sollten. Ich kann mich noch genau an das Gefühl von Vorfreude auf das Spiel, ein bisschen Angst vor Maradona und Messi und zugleich Wehmut, weil das Turnier irgendwann mal vorbei sein würde, erinnern. Das war WM-Fieber pur. Ich bin mir nicht sicher, ob das noch mal genauso zurückkommt. 2014 war es noch mal ganz ähnlich. Unvergessen wie die ganze Kneipe nach dem unfassbaren Halbfinale „Ole Espana“ von Michael Schanze gesungen hat. An diesem Abend gab es keinen Platz auf der Welt, an dem ich lieber gewesen wäre als genau hier.

Frederic Latz: Hat dir Andi nachts um 2.25 Uhr auch noch YouTube-Aufnahmen vom Länderspiel 1938 auf seiner Großleinwand gezeigt? Und was war der ausschlaggebende Impuls, diese Spiele in ein Buch zu gießen?
Sascha Theisen: Nachts laufen da vor allem die legendären Elfmeterschießen der Turniere. Ich dürfte so ziemlich jedes WM-Elfmeterschießen um diese Zeit dort gesehen haben – aber nicht nur dann. Unvergessen der Moment, als der Wirt mal an einem 11.11 eine brummende Karnevalskneipe zum Schweigen brachte, indem er kurzentschlossen, wegen zwei englischer Gäste in der Bar, noch mal das Elfmeterschießen von 1990 zeigte.
Aber um ehrlich zu sein, kam der Impuls all die großen Spiele aufzuschreiben weniger aus der Bar, sondern vielmehr aus dem Wohnzimmer und der Garage meiner Eltern. Schöner Kneipenabend hin oder her – aber meisten hat mich am Ende doch der WM-Abend vor der Schrankwand meiner Eltern geprägt. Nichts und niemand nimmt Dir je wieder den Moment, wenn Du als kleiner Junge in die Arme Deines Vaters springst, weil Horst Hrubesch in Sevilla gegen Platinis Frankreich rüber zu Klaus Fischer köpft und der den Tango per Fallrückzieher in die Maschen zimmert. Von mir aus ist das jetzt vielleicht etwas viel Pathos, aber: Diese Erinnerung gehört zu den schönsten meiner Kindheit – völlig ungeachtet dessen, dass die Franzosen eigentlich das viel bessere Team in diesem Spiel waren. Ich glaube, ich war selten glücklicher im Leben als in diesen Augenblicken.
Frederic Latz: Ich muss gestehen, dass es mir sehr schwerfallen würde, mich festzulegen. Daher frage ich dich als Fußball-Methusalem: Welches Spiel ist die verdienteste Niederlage Deutschlands und der am wenigsten berechtigte Sieg?
Sascha Theisen: Verdammt gute Frage, Du Schlitzohr. Da würde ich beide Spiele in das gleiche Turnier legen: Spanien 1982. Ich habe ja gerade schon über die Nacht von Sevilla gesprochen und was sie mir als kleinem Jungen gegeben hat. Mit dem Abstand all der Jahre muss ich aber sagen: Der am wenigsten berechtigte Sieg war genau dieses Spiel. Als ich älter wurde und mir das Spiel in zahlreichen Dokus noch mal angeschaut habe, wurde mir immer klarer, wie großartig und berauschend gut die Franzosen damals gespielt haben. Viele Spieler von ihnen haben diese Niederlage bis heute nicht überwunden. Die DFB-Elf dagegen hatte in diesem Turnier eine ganze Serie von mindestens schrägen Turnierauftritten hinter sich und auch in diesem Spiel mit dem legendären Foul von Schumacher an Battiston einen weiteren schlimmen Moment. Das war schon maximal unverdient. Noch unverdienter wäre nur noch der Titel im Finale gegen Italien gewesen. Da hatte der Fußballgott aber offenbar die Schnauze endgültig voll von Jupp Derwalls Krawallbrüdern rund um den polternden Paul Breitner. Die Niederlage im Bernabeu gegen Italien mit Marco Tardelli, Paolo Rossi und Dino Zoff war dann wohl die verdienteste Niederlage.

Frederic Latz: Du warst – vor allem um die Jahrtausendwende beim TSV Stockheim – in deiner Prime, wie man heutzutage sagt. Wieso blieben beim DFB genau dann die großen Erfolge aus?
Sascha Theisen: Ich schätze genau deswegen. Damals schaute ganz Fußball-Deutschland eben nach Stockheim. Nicht umsonst redet man bis heute noch von meinem Flugkopfball auf der Sportwoche in Jakobwüllesheim. Das war an Ästhetik und Akrobatik einfach nicht zu toppen und sicher stilbildend bis heute. Gleichzeitig spielten in der Nationalmannschaft eher Spieler, die morgens nach dem Aufstehen gerne mal den linken Fuß auf der rechten Seite anschraubten und umgekehrt. Auch deswegen hat es auch kein Spiel aus dieser 2000er-Phase ins Buch geschafft. Das Buch über den Flugkopfball schreibt übrigens gerade Christoph Kramer in einem weiteren „Coming-of-Age“-Roman.
Frederic Latz: Wir unterstützen beide keine Vereine, die von andauerndem Erfolg geprägt sind. Auch die deutsche Fußballnationalmannschaft durchläuft Höhen und Tiefen. In welcher Phase sind wir momentan? Hat die kommende WM-Potenzial für einen neues Kapitel in der nächsten Auflage des Buchs?
Sascha Theisen: Na ja, wenn ich mir die WM-Bilanz der DFB-Elf zumindest mal von 1954 bis 2014 anschaue, dann ist es wahrscheinlich so, dass Fußballnationen wie England, Portugal oder Spanien das mit Kusshand nehmen würden. Wer etwa 1970 hierzulande auf die Welt kam, erlebte drei deutsche Teams als Weltmeister, drei Vize-Weltmeister, zwei Mannschaften auf dem dritten Platz sowie diverse Viertelfinale mit DFB-Beteiligung. Zum Vergleich: England, das Land, in dem das Spiel erfunden wurde, war in dieser Zeit zwei Mal im Halbfinale und das war´s.
Was diesen Sommer angeht, bin ich ein bisschen hin und her gerissen. Die WM-Auslosung mit diesem völlig durchgeknallten Friedenspreis und den Village People am Ende – das war schon ein harter Schlag mitten ins Gesicht aller Fans, die das Spiel lieben. Auf der anderen Seite gibt es da ja auch noch zwei andere Gastgeber. Die Weltmeisterschaften in Mexiko 1970 und 1986 waren schon denkwürdige Turniere. Wenn die Gangsterbosse auch den Fernseher einschalten und zu Hause bleiben, könnte das Turnier dort an die vorherigen anknüpfen. Die Begeisterung in Kanada dürfte Leute wie uns ebenso mitnehmen. Vielleicht schaffen es diese beiden Länder ein Gegengewicht zu den USA zu sein. Das würde dem Ganzen schon guttun.
Was die deutsche Mannschaft betrifft, ist die Rechnung eigentlich ganz einfach: Wenn wir nach den letzten beiden verkackten Turnieren endlich wieder zu der Turniermannschaft werden, von der wir uns immer so erfolgreich eingeredet haben, dass wir sie sind, dann könnte es vielleicht was werden. Und hey – nach der Vorrunde gibt es auf jeden Fall einige Gelegenheiten für die Mannschaft Geschichte zu schreiben. Vielleicht gegen Brasilien schon im Sechszehntelfinale und gegen Frankreich danach im Achtelfinale. Florian Wirtz mit jeweils zwei lupenreinen Hattricks in den beiden Spielen und Mika Schroers mit einem Klaus-Fischer-Fallrückzieher gegen Frankreich – mal ehrlich: Da würden wir doch noch unseren Enkeln von erzählen. Fußball wurde zum Träumen erfunden und damit sollten wir nicht aufhören.
„Spiele für die Ewigkeit“ kann ab sofort überall da bestellt werden – am besten im Buchhandel Eures Vertrauens oder gleich beim Verlag selbst – nämlich gleich hier.


