Blanker Signature Move
Zuletzt kamen meine Jungs ins Wohnzimmer und gaben zur Freude ihres Vaters und zur Irritation ihrer Mutter einen astreinen Stefan-Blank-Move zum Besten – also genau den alemanniahistorischen Torjubeltanz, den Blank einst auf das Parkett des alten Tivoli legte. Man muss dazu wissen: Die Choreo der flotten Sohle ist nicht ganz ohne. Es braucht eine gute Portion Kautschuk in den Hüften, denn man muss leicht von einem Bein auf das andere wippen, die Arme gleichzeitig irgendwo zwischen Euphorie und Selbstverständlichkeit abspreizen und schließlich die Lenden leicht kreisen lassen. Kognitiv weit vorne, das Ganze. Aber neben diesem körperlichen Bonmot war der Move in meinem Wohnzimmer vor allem auch deshalb besonders, weil die beiden Tanzbosse noch nicht geboren waren, als Blank ihn damals erfand. Man fühlt sich leicht an diesen neapolitanischen Friedhof erinnert. Dort hatte ein Unbekannter seinerzeit nach der ersten Meisterschaft des SSC Neapel einen denkwürdigen Satz an die Friedhofsmauer gepinselt: „Ihr wisst gar nicht, was Ihr verpasst habt“. In etwa so kann man das hier auch sagen, nur halt umgekehrt. Die Tragik der späten Geburt.
Oliver Kahn, den das Boulevard seinerzeit „Titan“ nannte, dürfte noch heute schweißnasse Achseln und leichtes Herzrasen bekommen, wenn jemand das YouTube-Video von damals öffnet. Nicht mehr als das hatten meine Jungs gemacht, weil: Am Ende ist eben nicht alles schlecht an diesem Internet, wenigstens dann nicht, wenn Du „Alemannia“ ins Suchfenster eingibst. Dann gibt es nämlich schon mal ein DFB-Pokal Viertelfinale und so was hier: Aus gut und gerne 30 Metern setzt Aachens linke Klebe eine Fackel ab, die vor ihm höchstens noch Günther Delzepich im Fuß hatte – der allerdings mit Medizinbällen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich weiß noch, wie wir in Block M des Würselner Wall standen und unsere Hälse nach allen Regeln der Kunst nach vorne reckten, um zu sehen, wie der Ball in Überschallgeschwindigkeit in Kahns Kasten einschlug. Der Titan hatte noch Titan-Dinge versucht und zunächst einen Schritt in die falsche Richtung gemacht, ganz so, als habe er gedachte, auch hier an diesem unvergleichlichen Ort unschlagbar aus der Distanz zu sein. Wahrscheinlich kannte er Blank nicht so richtig, denn als er zu seiner Flugphase ansetzte und quer in der Luft lag, wölbte sich schon längst das Netz hinter ihm, ganz zur Freude der johlenden Menge. Ich weiß noch, wie wir alle ungebremst zwei Meter nach vorne fielen, uns dabei ungläubig an den Kopf fassten und nur von einem dieser eigentlich maroden Wellenbrecher aufgefangen wurden.
Keine Frage: Stephan Blanks Tor im Pokaljahr aller Pokaljahre war eines der Tore, die Du nicht vergisst, wenn Dein Herz die Form eines auf den Kopf gestellten Dreiecks besitzt und ein „A“ über einem Adler darauf pochen. Das fanden kürzlich auch die Leser der Aachener Zeitung. Die nämlich kürten Blanks Tor zum schönsten Tor der Alemannia-Geschichte – sehr zu Recht, wie ich finde und überhaupt, ein schönes Spielchen. Das zeigen auch die weiteren Treffer der Hitliste. Taifours Fallrückzieher, Antons Hattrick im Ganzen, Krontiris Ein-Mann-Aufholjagd in den Ruinen von Müngersdorf, Sergio Pintos epische Winkelvermessung in der Aufstiegssaison, Schlaudraffs einsamer Solotanz durch die Abwehrreihen Werder Bremens, Reghecampfs Freistoß bei der Wiederholung des Bayern-Wunders. Eines hatte ich sogar fast vergessen: Ricco Cymers Torwart-Tor im Auswärtsspiel beim SV Rödinghausen – natürlich nichts gegen den unsterblichen Jimmy Glass, der Carlisle United einst mit einem ganz ähnlichen Treffer vor der Bedeutungslosigkeit rettete. Aber es sind am Ende eben große Gelegenheiten, die große Tore machen – so wie bei Stefan Blank. Und genau das scheint mir derzeit, wenn nicht noch ein Wunder in Form einer zehnteiligen Siegesserie passiert, auch in der aktuellen Saison der Fall zu sein. Eins kann man aber ohne Wenn und Aber jetzt schon mal sagen, zöge man eine frühe Saisonbilanz: Die Tore haben es in sich. Als Lars Gindorf zuletzt die Pille in die Maschen des Erzgebirges schweißte, hatte das Pfund schon etwas von der Blank´schen Klebe. Fatons Sohlenstupser in Rostock, Schroers One-Touch-Festival gegen RWE und seine 30-Meter-Fackel im Grünewalder, Mehdis Solo durch ganz Verl, Bax´ Hacke in Wiesbaden oder noch mal Gindorf zu Hause gegen Mannheim. Keine Frage: Da ist einiges dabei. Nur in Sachen Signature-Torjubel müssen wir noch ein bisschen aufholen, das sind wir momentan noch eher so auf Level „Klassenparty in der Achten“ mit Herzchen für die Perle. Aber vielleicht geht da ja noch was. Wie wäre es zum Beispiel damit: leicht von einem Bein auf das andere wippen, die Arme gleichzeitig irgendwo zwischen Euphorie und Selbstverständlichkeit abspreizen und schließlich die Lenden leicht kreisen lassen. So was kann ganze Generationen überdauern. Den Tanzkurs findet man auf YouTube.
Diese Kolumne erschien im Tivoli Echo anläßlich des mitreißenden Alemannia-Heimsiegs gegen Energie Cottbus im März 2026.

