Nur einen Jahrhundertsommer entfernt
Ich kann mich noch gut an den Sommer 2003 erinnern. Er war verdammt heiß, weshalb ihn all die Tagesschausprecher seinerzeit zum Jahrhundertsommer erklärten. Dass er wirklich einer war, dürften vor allem die Aachener unterschreiben, die es alle zwei Wochen zum Tivoli zieht. Denn im Sommer 2003 trotzte Jörg Schmadtke all der Hitze und holte eiskalt Erik Meijer nach Aachen – diesen kantigen, unfassbar verrückten, das Spiel liebenden fleischgewordenen Mittelstürmer. Fast täglich las ich damals die Wasserstandsmeldungen aus Maastricht, dem Meijer´schen Domizil, zitterte, hoffte und träumte ausgerechnet von einem Holländer. Wer hätte das gedacht? 1990 sicher noch niemand, aber mittlerweile hatten Henri Heeren, Erwin Vanderbroek oder Bart Meulenberg den Weg längst bereitet. Wer ist schon Hans van Breukelen, wenn einer wie Heeren die Pille gegen Preußen Münster unter die Latte zimmert?
Bis zum Tag der Unterschrift des Erik Meijer hielt ich es immer noch nicht für möglich, dass er wirklich zu uns käme – ein Akt des Selbstschutzes. Schließlich weiß ich, was die Aussicht auf so einen Hoffnungsträger bei Alemannia mit mir macht, die Aussicht auf einen Haudegen dieser Kategorie. Als er dann tatsächlich kam, veränderte er alles – Alemannias Anspruch, Alemannias Selbstverständnis, Alemannias Gleichgewicht, einfach alles. Den Klömpchensclub gab es fortan nur noch im Vereinslied. Stattdessen stürmten wir mit diesem verrückten Holländer an der Spitze in den folgenden Jahren ins Pokalfinale, den Europapokal und schließlich in die Bundesliga. Es sind solche Transfers, die alles verändern – hier wie überall. Zuletzt erzählte mir jemand mit blau-weißem Herzen, dass vor einigen Jahren ganz Gelsenkirchen mal den Atem anhielt, nur weil dort das Gerücht die Runde machte, der niederländische Altinternationale Edgar Davids habe sich ein Haus mit schöner Dachterrasse im grünen Teil des Ruhrgebiets angeschaut. Der Mann war zwar niemals im Ruhrgebiet, aber allein die Vorstellung, er hätte es getan haben können, reichte aus, um Titelträume blühen zu lassen. Leben von Fußballfans sind voll mit solchen Tagträumen. In Italien etwa erscheint Tag für Tag die „Gazetta dello Sport“, so etwas wie die Bibel der Transfergeschichten, ganz egal, ob sie wie bei Erik Meijer zustande kommen oder bei Edgar Davids eben nicht. Ich habe sie mir noch in jedem Italien-Urlaub mit nach Hause genommen, obwohl ich kein Wort italienisch spreche und verstehe, einfach nur, weil ich die Transfergeschichten darin so liebe.
Letzte Woche musste ich oft an Meijers Transfer und an die Gazetta denken. Warum? Ich las von Tobi Mohr und davon, dass er bei Schalke 04, dem Beinahe-Zuhause des Edgar Davids, auf der Liste der Abtrünnigen stünde. Eigentlich eine Sünde oder eben wahlweise eine Jahrhundertchance auf einen weiteren Jahrhundertsommer. Wahrscheinlich spielen sie in Schalke nicht das Kicker-Management-Spiel, so wie ich. Täten sie das nämlich, wüssten sie wie gut der Mann ihrer linken Außenbahn ist. Und genauso wahrscheinlich wissen sie auch nicht, dass Tobis Herz eigentlich schwarz und gelb schlägt, oder vielleicht wissen sie genau das und verwechseln da was. Mir ist Schalke aber eh ziemlich egal – seit ich weiß, dass Tobi wieder frei ist, träume ich den guten alten Erik-Meijer-Traum, nur eben nicht mit dieser wunderbaren niederländischen Wuchtbrumme, sondern mit diesem drahtigen und rasend schnellen Mann auf Alemannias linker Seite. Wunderbare Tagträume sind das, in denen Tobi die Flanke rauf und runter fräst, bis es Heiner da draußen an seiner Bank schwindelig wird.
Transferträume, Träume von neuen Zeiten, neuen Ansprüchen, neuen Ligen. „It´s the hope that kills you“, nennen sie das in England. „I believe in hope“, sagt Ted Lasso in der gleichnamigen und mit Abstand besten TV-Serie über Fußball, in der es nicht um Fußball geht. An beidem ist was dran und gerade der Widerspruch zwischen Traum und Aufwachen ist ja das, was das Leben und damit den Fußball ausmacht. Apropos Traum: Eine Serie ist auch so etwas abgefahrenes, auch so ein feuchter Traum. Während der Saison, in der sich Siege und Niederlagen einfach so abwechseln, künden schon zwei Siege hintereinander von ganz großen Zeiten am Horizont. Alemannia steht gerade bei drei und das ist dann wieder so was, was Dich so richtig in Fahrt bringt. Sie sind genau das Zeichen, das Dir brutal vor Augen führt, was möglich wäre. No Limits. Du rechnest hoch, Du rechnest quer, Du rechnest mal eben alle Spieltage durch. Spieltage auf Koks. Und plötzlich denkst Du: Verdammte Hacke – wir sind nur einen Jahrhundertsommer entfernt. Komm nach Hause, Tobi Mohr.
Diese Kolumne erschien im April 2025, anläßlich des Heimspiels der großen Alemannia aus Aachen gegen Arminia Bielefeld, die einen Monat später nach Berlin fuhr.

