19er Alus im Gästeblock
Vor kurzem hatte ich Besuch von 14 Engländern. „The Lads“, wie man bei ihnen zu Hause so sagt, kamen aus Carlisle, nahe der schottischen Grenze, und zeigten eindrucksvoll, dass die Menge Bier, die man trinken kann, nicht von der Größe der Gläser abhängt. Sie erzählten von United, das derzeit sein Glück in Englands fünfte Liga versucht, besangen ihren ewigen Torwart Jimmy Glass, der sie einst mit einem Last-Minute-Tor im letzten Saisonspiel vor einem bitteren Abstieg bewahrte. Und sie prosteten sich ein bisschen wehmütig auf Paul Gascoigne zu, der einst in Newcastle, der nächsten Großstadt in der Nähe Carlisles, das Fußballspielen begann und ähnlich viel aus ähnlich großen Gläsern trinken konnte wie sie. Eine ganze Nacht lang sprachen wir nur über Fußball und darüber, was er mit uns macht. Wir gingen sämtliche WM-Duelle zwischen England und Deutschland durch, surften dabei durch Wembley, Turin und Bloemfontein, vorbei an Toren, die von der Latte vor oder hinter die Linie flogen, nahmen die Welle vorbei an epischen Elfmeterschießen, bis hin zu Gazzas Tränen und Illgners Knie. Wir lachten, tranken und ließen den Flachs blühen. Am nächsten Tag, als sich mein Kopf anfühlte wie englischer Beton, wurde mir mal wieder klar, dass man dem Fußball gar nicht genug danken kann für die Menschen, die er in dein Leben bringt – Menschen, die diese eine Sache mit genau der gleichen Hingabe verfolgen wie du es tust. Mir fällt auf Anhieb nicht sehr viel ein, was eine ähnlich verbindende Wirkung hat wie dieses einfache Spiel. Auch deshalb erzählte ich ihnen von Alemannia und von all den Sorgen, die dir dein Verein so bereitet. Erzählst du jemandem, den das Spiel nicht wirklich interessiert, davon, wie du eine Auswärtsniederlage gegen Energie Cottbus am Steuer deines Autos erlebst, in das du bei einer 2:1-Führung eingestiegen bist und das du mit einer 2:3-Niederlage parken musst, nickt der nur kurz und wechselt das Thema. Erzählst du aber jemandem davon, der dein fußballerisches Schicksal teilt, zum Beispiel irgendwo an der schottischen Grenze, kommt ein verständnisvolles „Fuck“. Dann treffen sich die Gläser in der Mitte und ein gemeinsamer Schluck, gefolgt von einer tröstenden Hand auf deiner Schulter, sagt dir : Okay – es ist Scheiße, aber du bist nicht alleine damit.
Es sind genau solche Abende mit 14 Engländern, die mich all die wahnsinnigen Liebhaber des Spiels erinnern, die ich in all den Jahren getroffen habe – so wie vor einigen Jahren in Ingolstadt. Wir sollten dort eine kleine Fußball-Show auf die Beine stellen, was wir auch taten. Organisiert hatten das wunderbare Menschen, die sich „19er-Alu“ nennen, weil sie wohl früher auf solchen High-Heels spielten und wohl eine Blutgrätsche mehr schätzten als einen schnöden Übersteiger. Sie machten es sich zur Lebensaufgabe, Zeugen des Spiels in ihre Stadt einzuladen und vor Publikum darüber zu sprechen. Und dabei hatten sie selbst Anekdoten parat, die ihresgleichen suchten. Mit einem Weltmeister, der mittlerweile zum Amateurtrainer geworden war, tranken sie einmal fünf Weizen und rauchten eine Packung Zigaretten, bevor sie ihn zum Training mit seiner Landesliga-Mannschaft verabschiedeten. Das Spiel liebten auch sie so sehr, dass sie genau wie die Jimmy-Glass-Army aus Carlisle tage- und nächtelang über längst vergangene Spiele philosophieren konnten. In ihrem Auto befand sich der letzte mit echten Kippen aufgefüllte Aschenbecher, der konsequent wie eine Blutgrätsche minütlich aufgestockt wurde. Kompromisse waren nicht ihr Ding und genau das machte sie aus – 19er Alus eben. Wir hatten zwei unglaubliche Tage und leider verloren wir uns ein paar Jahre danach aus den Augen und beobachten nur noch gegenseitig unsere Social-Media-Aktivitäten, die aber weniger werden, weil dort leider nicht mehr die Liebe zu unserem oder irgendeinem anderen Spiel regiert, sondern vielmehr Missgunst und Hass gegenüber jenen, die es spielen. Ob es einen wie Paul Gascoigne heute noch geben würde? Wahrscheinlich nicht – das Netz hätte ihn schon gestutzt, als er damals einen echten Strauß über das Trainingsgelände der Tottenham Hotspurs jagte, weil deren Nummer 7, Steve Sedgley, dem Vogel ähnelte. Sei´s drum – ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls schaue ich noch heute mit mindestens einem Auge immer auch auf die Schanzer, wenn sie spielen, und frage mich nach ihren Niederlagen oder Siegen, wie jetzt wohl gerade die „19er Alus“ damit klarkommen. Und dann denke ich, dass es noch einmal Zeit würde, mit ihnen eine Nacht über die WM 1990 zu sprechen oder darüber, wie ich mich gefühlt habe, als das Ding in Cottbus in die Buxe ging. Und hey – vielleicht würde man eine gemeinsame Tour nach Carlisle planen. Gemeinsam könnte man Bier aus großen Gläsern trinken und sich darüber freuen, wie sehr dieses einfache Spiel doch verbindet. Die Lads sind jedenfalls überall – heute vielleicht sogar im Auswärtsblock. Vielleicht schau ich dort mal vorbei.
Diese Kolumne erschien zur 0:1-Heimniederlage der großen Alemannia im Spiel gegen den FC Ingolstadt.

