Ein Denkmal für das Spiel
Drüben in Barcelona spielt ein Teenager namens Lamine Yamal ein bisschen Fußball. Er ist ganz gut darin – vor allem dann, wenn er vom Flügel nach innen zieht und den Ball nach zwei bis drei fesselnden Tricks unhaltbar in den Winkel schießt. Atemberaubende Momente sind das, von denen man in Barcelona und im Grunde in der ganzen Welt lange spricht – nicht zuletzt, weil sie in kurzen Clips unbarmherzig viral gehen. Neulich nun entschied sich genau dieser Lamine Yamal, keine Autogramme mehr zu schreiben. Sein Management hat es ihm angeraten und er folgt diesem Rat, um so den Marktwert seiner Unterschrift zu steigern. Mittelfristig sollen so noch ein paar Euro mehr mit dem auf diese Weise künstlich verknappten Schriftzug zu machen. Der Fußball und die Macht des Marktes – ein Thema für sich und eines, das irgendwann wohl außerhalb von Dorfplätzen, wo es einfach nur wegen seiner Schönheit gespielt wird, wohl zum Sturz dieses wunderbaren Spiels führen wird. Dazu passt: Als dieser Lamine Yamal zu Beginn der laufenden Saison eine neue Rückennummer erhielt und zur 10 wechselte, also zu der Nummer, die einst Maradona, Riquelme, Kubala, Ronaldinho oder Messi trugen, verkaufte sich das Trikot an einem Tag 70.000-mal. Ist auch Geld – aber offenbar eben nicht genug, um weiter Autogramme für die Kinder zu schreiben, die den Mann anhimmeln, obwohl der zu seinem Geburtstag Zwerge und Damen aus dem frei nach Koschinat „horizontalen Gewerbe“ auflaufen ließ.
Letzten Freitag fuhren wir natürlich nicht nach Barcelona, um Yamal von außen nach innen ziehen zu sehen. Viel lieber bretterten wir über die A3 ins nasskalte Wiesbaden, Alemannia zu einem überlebenswichtigen Auswärtsdreier begleiten. Die Fahrt lohnte sich in vielerlei Hinsicht, obwohl das Stadion nicht mal zur Hälfte gefüllt war, was vielleicht auch daran liegt, dass es im Wesentlichen aus ein paar alten Metallplatten zusammengezimmert ist. Trotzdem: Als wir in diesem Wehener Wellblechpalast in der kleinen, aber lautstarken Aachener Ecke saßen, dachte ich so bei mir: „Geht auch schlechter an so einem Freitagabend“. Die Stadionwurst war okay, das Bier vergleichsweise günstig und die Plätze nah am Rasen. Außerdem: Alemannia spielte eine mitreißende erste Halbzeit, in der von Bahns Hackentrick-Assist über Olschowskys gehaltenen Elfmeter bis zu einem allerseits großem schwarz-gelben Herz auf Rasen und Rängen alles drin war, was eine Auswärtsfahrt zu geben hat. Als es in der zweiten Spielhälfte schließlich darum ging, alles in dieses Spiel zu werfen, um es über die Runden zu bringen und die Jungs in der Reihe vor uns bereits in ihre dritte Bratwurst bissen, hielt der wegen einer gelben Karte ausgewechselte Faton Ademi das Trikot mit der Rückennummer 5 hoch – das Zeichen für den nächsten Wechsel. Die 5 in Aachen gehört Sasa Strujic, der daraufhin vorbei an den schwarz-gelb gefüllten Rängen zur Bank lief. Auf seinem Weg dorthin wurde er von den Rängen getragen, zunächst von den Stehern, dann von den Sitzplätzen. Gereckte Fäuste, frenetischer Applaus, aufmunternder Jubel – all die kleinen Gesten, die eine Kurve zu geben hat, um noch einmal den letzten Funken Hingabe in dieses Spiel zu schicken. Dieser kurze Moment war einer von der Sorte, in denen Du merkst: Das hier bedeutet Dir und all den anderen in dieser Blech-Ecke so viel mehr als es irgendjemand erahnen kann, der ein einfaches Autogramm zum USP erhebt. Und dieses Gefühl entfaltete seine Wirkung: Der Kapitän mit der 5 auf dem Rücken schmieß sich danach in jeden Ball, in jede Flanke und in jeden Zweikampf. Alemannia gewann. Die Wellblech-Ecke gewann.
An diesem Sonntag geht es wieder um etwas mehr als drei Punkte für Alemannia – nicht in Wellblech, dafür am Tivoli, der mal Postkasten hieß, mit dem ich aber längst meinen inneren Frieden geschlossen habe. Doch bevor es darum geht, hier vehement die nächste Heimniederlage zu verhindern, wird vor dem Stadion eine Statue enthüllt, für die alleine meine O4-Tivoli-Sitzreihe mit viel Genuss und noch mehr Vorfreude zahlreiche Biere getrunken hat, um die dazugehörigen Becher zu spenden. Auf dem Tivoli-Vorplatz wird ein längst überfälliges Denkmal für den großen Werner Fuchs enthüllt – ein bisschen bezeichnend, dass diese große Geste von Fans initiiert wird, wo es doch eigentlich eine öffentliche Aufgabe gewesen wäre. Vor dem Anpfiff ist das wieder so ein großer Moment, einer der Sorte, der eben größer ist als der Spieltag selbst, weil er einem der wirklichen Helden gehört – einem, dem der Wert seines Autogramms nie wichtig war und der Alemannia einst nur deshalb verließ, weil er gehen musste. Ein weiteres Denkmal sollte denen aufgestellt werden, die sich darum kümmerten. Denn sie sind es, die wissen: ein Strujic für zehn Yamals.
Diese Kolumne erschien im Tivoli Echo als sich die große Alemannia aus Aachen straffte und den 1. FC Saarbrücken schlug.

