Blühende Klenkes-Träume

Artikel veröffentlicht in TORWORT-Senf am 19.11.2025
Erstellt von TORWORT - Die Fußball-Lesung

Blühende Klenkes-Träume

In Aachen geht´s schnell, sagt man. Vier Siege am Stück und schon blühen die Träume. Und wer wollte dem ernsthaft widersprechen? Gerade jetzt, wo Alemannia dieses Kunststück gelungen ist. Klar, du hältst den Ball flach, sprichst von Klassenerhalt, um den es in Wahrheit geht und um nichts anderes, weil es dein Kopf dir sagt. Dein Herz, sowie die Region ein bisschen darunter, träumt aber schon von ein bisschen mehr – dem nächsten Sieg in Folge zum Beispiel und wenn das klappt, dem nächsten vielleicht. Denn mal ehrlich: Hast du Lars Gindorfs Schuss ins Glück gegen die Zweite des VfB oder Olschowskys Elfmeter-Parade in Wiesbaden gesehen, dann weißt du: Solche Momente führen nicht ins Nirvana. Sie sind für etwas gut. 

In all den Jahren gab es viele ikonische Momente von Alemannia-Spielern – einige waren derart groß, dass sie sich in mein Herz einbrannten und damit natürlich auch diejenigen, die sie an den Start brachten. Als Allererster fällt mir da – wer sonst – der große Mario Krohm ein, dessen Eckfahnen-Jubelpose im Ulrich-Haberland-Stadion, mich noch heute so ziemlich ausrasten lässt, wenn ich nur daran denke. Und da wäre noch Erik Meijers Jubellauf nach seinem Treffer gegen den OSC Lille, den rechten Arm zum Klenkes erhoben, das Leder, das er gerade erst im Tor untergebracht hatte, schon wieder unter seinem linken Arm vergraben, ganz so, als gehöre es nur ihm und uns. Ebenso unvergesslich: Fielo oberkörperfrei an der Haupttribüne des altehrwürdigen Tivolis vorbeilaufend, während er sein schwarz-gelbes Alemannia-Trikot wie einem Propeller gleich durch die kalte November-Nacht vibrieren ließ, so fulminant, dass er um ein Haar abgehoben wäre. Große Gesten großer Alemannen. Es waren aber auch und wie so oft im Leben die kleinen Dinge, die immer wieder mächtigen Eindruck hinterließen. So erinnere ich mich an einen fast unscheinbaren Außenrist-Pass des jungen Simon Rolfes an einem regnerischen Freitagabend gegen den Karlsruher SC, fast beiläufig weitergeleitet zu Rainer Plaßhenrich, der auch eben erst an den Tivoli gewechselt war. Das war nur eine kurze Sequenz, die aber so viel Eleganz, soviel Grandezza besaß, dass mir direkt im Stadion und obwohl es erst der fünfte oder sechste Spieltag einer noch langen Saison war, unmittelbar klar wurde: Dieses Jahr geht was. Apropos Rainer Plaßhenrich: Noch heute sehe ich ihn manchmal beide Zeigefinger zur Jubelpose nach vorne reckend und auf seinen später ruinierten Knien rutschend, vor dem Würselner Wall einen Treffer feiern, den er kurz zuvor mit aller Macht erzwungen hatte. 

Würde ich nur zehn Minuten länger in solchen Erinnerungen schwelgen, das Papier, das ich für diese Kolumne benötigte, würde ganze Regenwälder von Google Maps löschen. Denn auch die aktuelle Alemannia-Truppe sorgt derzeit wie gesagt für einige große schwarz-gelbe Augenblicke. Zwar kann es Lars Gindorfs mit beiden Händen geformtes Herz nach Torerfolgen noch nicht komplett mit Meijers Klenkes oder Plaßhenrichs Zeigefinger aufnehmen – Potential hat seine Geste aber schon. Ungefähr so viel Potential wie Bax´ unbeugsamer Laufstil, so ab der 60. Minute, wenn jeder seiner Schritte wie der letzte aussieht, er aber trotzdem noch zehn bis fünfzehn solcher Sprints im Tank hat und die auch verlässlich auf dem Rasen lässt. Felix Meyers Grätschen und sein Aufpeitschen des Publikums gleich danach stehen dem in nichts nach. Die Kirsche auf der Torte: Selbst im Internet machen die Jungs eine astreine Figur, wie meine Jungs nicht müde werden, mir auf den Netzwerken unseres beiderseitigen Vertrauens weiterzuleiten. Zuletzt bekam ich etwa einen Post von Lamar in mein Postfach, in dem der sich im Spiegel seines Fitnesscenters selbst ablichtete und dabei einen Instagram-Oberarm präsentierte, gegen den mein Real-Life-Oberschenkel aber mal sowas von locker einpacken kann, dass man es eigentlich nicht in einen solchen Text schreiben sollte. Und wem würde nicht warm ums romantische Herz, wenn Saša Strujić oder Lukas Scepanik fast schon federleicht mit ihren Mädels über ferne Karibik-Inseln tanzen? Keine Frage: Gute Jungs, die da momentan auf dem Tivoli zu Hause sind und eben auf allen Ebenen und Plattformen performen wie die Tartan Army in den Glasgower Pubs nach der erfolgreichen WM-Qualifikation ihres Landes.

Vier Siege am Stück und schon blühen die Träume. Und genauso ist es auch jetzt gerade. Denn irgendwie – so ehrlich muss man sein – liegt was in der Luft. Für irgendwas ist das alles gut gerade. Nicht auszudenken, wenn heute irgendwer den Klenkes zum Torjubel auspackt. In Aachen geht´s schnell, sagt man.

Diese Kolumne erschien im Tivoli Echo anläßlich Alemannia Heimspiel gegen den Jahn aus Regensburg.

Sascha Theisen

STAMMPLATZ-Gründer und Fußball-Romantiker