Auswärts zu Hause im Stadion
Wenn Franz Beckenbauer ein Spiel sah, das ihm nicht gefiel, sprach er gerne davon, dass es sich angefühlt habe wie Obergiesing gegen Untergiesing. Der uns allen fehlende Kaiser kam aus Giesing. Deshalb wusste er, wovon er sprach. Vielleicht hatte er das Giesinger Derby nie gesehen. Vielleicht gibt es dieses auch gar nicht. Aber wen interessiert das am Ende schon. Ich selbst war jedenfalls mit den drei besten Typen der Welt am letzten Wochenende zum ersten Mal in Giesing und das Einzige, was ich dort vermisste, war vielleicht ein Denkmal für Giesings größten Sohn, das aber selbst er als Roter im blauen Giesing nicht erwarten konnte. Ansonsten fehlte es an nichts, als Alemannia zu Gast bei den Münchener Löwen war.
Keine Frage: Auswärts nach Giesing ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Denn vielmehr als ein Fußballspiel besuchten wir vor allem ein Stadion – eines aus der alten Welt. Hier erfand der Kaiser vor langer Zeit gemeinsam mit Gerd Müller den Doppelpass und ein singender Löwen-Torhüter dribbelte singend über den ganzen Platz. Schon den Vorabend hatten wir in einem Stadion verbracht, dem Stadion an der Schleissheimer, einem Fußballmuseum, das sich als Fußballkneipe getarnt hat – oder umgekehrt. Die Stammgäste dort hatten es erst vor kurzem mit einer Spendenaktion gerettet. Es ist das Schicksal deutscher Ordnungsämter, den Wert von großen Orten selbst dann nicht zu erkennen, wenn sei gleich davorstehen. Oder wie es oft bei schrägen Mittelstürmern heißt: „Der trifft das Meer selbst dann nicht, wenn er mit dem Ball am Fuß am Strand steht.“ Aber zum Glück sind es solche Stammgäste, die ihren Ort so sehr lieben, dass es ihnen am Ende gelingt, ihn irgendwie am Leben zu halten. Und das hat das Stadion an der Schleissheimer mit dem an der Grünewalder gemein. Denn auch hier kämpft eine ganze Fanszene seit Jahrzehnten darum, ihre wunderbare Spielstätte zu bewahren.
Und so konnten uns selbst die zahlreichen Spaten-Biere, die wir am Vorabend des Spiels in der Schleissheimer getrunken hatten, nicht davon abhalten, am Spieltag schon weit vor Stadionöffnung und noch vor dem Frühstück in Richtung altehrwürdiges Grünewalder zu flanieren, um es in aller gebotenen Ruhe und voller gebotener Ehrfurcht zu umrunden. Es war ein Spaziergang, der sich lohnte. In Zeiten, in denen ansonsten seelenlose Mehrzweckarenen an Autobahnzufahrten stehen und mit ihren riesigen Parkplätzen wie Baumärkte wirken, steht dieser kleine Schmuckkasten in Giesing wie ein fußballkulturelles Mahnmal für alle, die das Spiel lieben – eine in 20er-Jahre-Beton gegossene Erinnerung daran, wie die Heimat des Spiels einmal aussah: minimalistische Fenster aus dene kaum zu erkennende und etwas verbrauchte Gesichter letzte Restkarten und Akkreditierungen herausgaben, in die Höhe ragende Flutlichtmasten, die im Zusammenspiel mit dem blauen Himmel, der sie umgab, ein unfassbares Panorama boten und eine steile Heimkurve, ausschließlich bestehend aus Stehplätzen, die weder ein Dach, noch sonst irgendeinen Komfort bietet. Es gibt sie kaum noch diese ursprünglichen Heimstätten, in denen es einfach nur um das geht, wofür sie gebaut wurden – um Fußball und nichts sonst. Mitten in Giesing finden die letzten Heimspiele für all die statt, die das Spiel eher als romantische Verführung denn als Ringen um Millionen verstehen. Kein Wunder also, dass die, die diesen Ort regelmäßig besuchen dürfen, so um ihn ringen.
Neben diesem echten Kulturgut war es aber vor allem die Freundlichkeit der Menschen in Giesing, die mich wirklich nachhaltig beeindruckte. Klar – die blau-weiße Fanszene zeigte sich bestenfalls neutral, schließlich ging es für beide Mannschaften um einiges und da wäre echte Zuneigung auch ein bisschen viel erwartet gewesen. Vielmehr waren es die Löwen an den Bierständen, am Eingangsbereich und am Spielfeldrand, die uns wie bisher nirgends das echte Gefühl gaben, hier wirklich willkommen zu sein. Noch nie wurde ich am Bier- und Wurststand eines Stadions schon von Weitem darauf angesprochen, was ich wohl gleich gerne auf die Faust hätte. Und die Auswahl war groß: Wie wäre es mit einer ganzen Maß Hacker Pschorr oder erst mal nur ein Halbes? Ein Leberkäs-Semmel oder doch die klassische Stadionwurst? Oder vielleicht doch eine so große Brezel, dass man beide Stadiontore dafür auffahren müsste? Noch dazu ein netter kleiner Plausch zum bevorstehenden Spiel, inklusive ein bisschen blühendem Flachs, wo die drei Punkte gleich dringender benötigt werden – drüben wie hüben. Keine Frage: Das Grünewalder tat sein Bestes an diesem Samstagnachmittag in Giesing, übrigens auch als man im Stadion die Gesänge von den gegenüberliegenden Tribünen vernahm. Denn diese ähnelten auf frappante Weise denen, die es am Tivoli auch zu hören gibt. Der wechselseitige „TSV“-Chant war nur ein Beispiel von vielen – zahlreiche weitere sich gleichende Gesänge folgten in den mitreißenden 90 Minuten an der Grünewalder. Selten wurde mir so klar wie hier, dass Tradition und Leidenschaft so verbinden wie hier. Irgendwie spielte hier Obergiesing gegen Untergiesing – nur in Gut. Der Kaiser hätte seine wahr Freude daran gehabt.
Diese Kolumne erschien zum Heimspiel der großen Alemannia gegen Rot-Weiß Essen am 8. Februar 2026, in dem Alemannia lange mit 3:1 führte, am Ende aber froh über ein Unentschieden war.

